ISO 45001 Kontext der Organisation

ISO 45001 Kontext der Organisation

ISO 45001 Anforderungen – so ermitteln Sie den Kontext der Organisation

In allen neueren ISO-Normen zu Managementsystemen – und damit auch in der ISO 45001 – wird im Normabschnitt 4 die Beschäftigung mit dem „Kontext der Organisation“ gefordert. Diese Übereinstimmung ist kein Zufall – sie entstammt den für Normautoren verpflichtenden Textbestandteilen der „ISO-Grundstruktur für Managementsysteme“ (auch bekannt als High-Level Structure, HLS) und soll sicherstellen, dass Managementsysteme nicht an den strategischen Anforderungen des Unternehmens vorbei oder gar gegen diese – womit ein Scheitern programmiert wäre – betrieben werden.

Warum man sich mit dem Kontext der Organisation beschäftigen sollte

Die Anforderung zur Beschäftigung mit dem Kontext ist also aufgrund der HLS bereits den Unternehmen bekannt, die etwa ein Qualitätsmanagementsystem nach ISO 9001 oder ein Umweltmanagementsystem nach ISO 14001 betreiben; es ist dagegen neu für die Unternehmen, die bisher „nur“ ein Arbeitsschutzmanagementsystem nach OHSAS 18001 eingeführt haben. Der Hintergrund dieser Anforderungen ist folgender: Oft werden die einzelnen Managementsysteme für sich und ohne Bezug auf die „eigentlichen“ strategischen Interessen des Unternehmens geplant und gelebt. So steht dann in der Qualitätspolitik, dass zufriedene Kunden die oberste Priorität sind, in der Umweltpolitik, dass dieses der Umweltschutz ist, und in der Arbeitsschutzpolitik werden Sicherheit und Gesundheit der Mitarbeiter zur obersten Priorität erklärt. Für sich alleine hören sich die Politiken gut an, können aber nicht stimmen: Priorität steht ja für Vorrang, drei Dinge können nicht alle oberste Priorität sein. (Meist stimmen alle drei nicht: Oberste Priorität ist der wirtschaftliche Erfolg des Unternehmens, und auch zufriedene Kunden sind in der Regel nur ein Mittel zu diesem Zweck, diesem also nachgeordnet).

Das Beispiel ist vielleicht etwas überzeichnet, aber oftmals ist die Praxis der Managementsysteme nicht weit davon entfernt. Spannend wird es immer dann, wenn die verschiedenen Anforderungen zusammentreffen: Wie soll man handeln, wenn etwa aus Sicherheitsgründen eine Maschine eigentlich gestoppt werden müsste, der Kunde aber dringend auf das Produkt wartet? Genau solche Fragen sind auf strategischer Ebene zu klären (und sollten sich etwa in der Unternehmenspolitik – integrierte Politiken verhindern, dass offensichtliche Widersprüche wie die oben genannten nicht auffallen – widerspiegeln). Damit die Festlegungen aber wirklich dem (aufgeklärten) Unternehmensinteresse dienen, ist es notwendig, über den Tellerrand hinauszublicken. Die ISO 45001 Anforderungen hierzu finden sich in zwei Unterabschnitten:

  • 4.1 Verstehen der Organisation und Ihres Kontexts
  • 4.2 Verstehen der Erfordernisse und Erwartungen von Beschäftigten und anderen interessierten Parteien

Die Ergebnisse dieser Beschäftigung werden an verschiedenen Stellen der Norm (und damit des Managementsystems) wieder aufgegriffen, unter anderem in:

  • 4.3 Festlegen des Anwendungsbereichs des SGA Managementsystems (Managementsystem für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz)
  • 5.1 Führung und Verpflichtung (die oberste Leitung muss sicherstellen, dass das SGA Managementsystem mit der strategischen Ausrichtung der Organisation vereinbar ist)
  • 6.1 Maßnahmen zum Umgang mit Risiken und Chancen (die sich aus der Betrachtung ergebenen Risiken müssen ggf. mit Maßnahmen verhindert bzw. gemindert werden, die sich ergebenen Chancen ggf. mit Maßnahmen genutzt werden)

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4.1 Verstehen der Organisation und ihres Kontexts

Die DIN ISO 45001 Anforderung hierzu ist, dass die Organisation für ihren Zweck relevante interne und externe Themen bestimmt, die sich auf ihre Fähigkeit auswirken, die beabsichtigten Ergebnisse ihres SGA Managementsystems zu erreichen. Dies sind ja die Bereitstellung sicherer und gesunder Arbeitsplätze und die Prävention von Verletzungen oder arbeitsbedingten Erkrankungen. Die Frage lautet also: Was kann sich (positiv oder negativ) auf die Fähigkeit einer Organisation auswirken, sichere und gesunde Arbeitsplätze bereitzustellen und Verletzungen und arbeitsbedingten Erkrankungen vorzubeugen? Im informativen (also nicht verbindlichen) Anhang A führt die ISO 45001 mögliche Themen auf, die in diesem Zusammenhang betrachtet werden könnten. Beispiele zu interne und externe Themen ISO 45001 sind:

Externe Themen:
    • soziales, politisches, wirtschaftliches Umfeld (international, national, lokal);
    • neues Wissen über Produkte und ihre Auswirkungen auf Sicherheit und Gesundheit;
    • Wahrnehmung sowie Werte interessierter Parteien (siehe 4.2).
Interne Themen: 
    • Führung, Politiken, Ziele;
    • Fähigkeiten, im Sinne von Ressourcen, Wissen, Kompetenz;
    • Verhältnis zu Beschäftigten und ihre Wahrnehmungen und Werte;
    • Kultur in der Organisation.

Video: High Level Structure ISO 45001

Video: ISO 45001 – Vorteile und Nutzen


4.2 Anforderungen der Beschäftigten und anderer interessierter Parteien

Wie sich aus den Beispielen des Anhangs schon andeutet, sind die relevanten Themen eng mit der Wahrnehmung und den Anforderungen von Beschäftigten und anderen ISO 45001 interessierten Parteien verknüpft.

Interessierte Parteien

Eine nach 3.2 DIN ISO 45001 interessierte Partei (ein anderer gebräuchlicher Begriff ist Anspruchsgruppe oder neudeutsch „stakeholder“) ist eine „Person oder Organisation, die eine Entscheidung oder Tätigkeit beeinflussen kann, die davon beeinflusst sein kann oder die sich davon beeinflusst fühlen kann.“

Die DIN ISO 45001 Anforderung hierzu ist, die – neben den Beschäftigten – anderen interessierten Parteien sowie die relevanten Erfordernisse und Erwartungen (Anforderungen) von Beschäftigten und anderen interessierten Parteien zu bestimmen und anschließend zu ermitteln, welche dieser Anforderungen rechtliche Verpflichtungen sind oder zu solchen werden könnten. Auch zu diesem Thema gibt Anhang A Beispiele, wer im Arbeitsschutz neben den Beschäftigten eine Anspruchsgruppe sein könnte. Etwa:

  • Behörden;
  • Mutter-/Dachorganisationen;
  • Auftragnehmer;
  • Beschäftigtenvertreter und Gewerkschaften;
  • Eigentümer;
  • Kunden;
  • SGA Organisationen (in Deutschland würde man an die Berufsgenossenschaften denken…).

Ein enger Zusammenhang besteht an dieser Stelle zu den rechtlichen Verpflichtungen, die in 6.1.3 DIN ISO 45001 noch einmal auftauchen: dort ist gefordert, aktuelle rechtliche Verpflichtungen in Bezug auf Gefährdungen, SGA Risiken und das SGA Managementsystem zu bestimmen (und ihnen im Managementsystem Rechnung zu tragen). An dieser Stelle geht es also zum einen um einen Blick über diese Themen hinaus (gibt es weitere, vielleicht indirekt wirksame rechtliche Verpfl ichtungen, die einen (positiven oder negativen) Einfluss auf das SGA Managementsystem haben können), und zum anderen aber auch um einen Blick in die Zukunft (was könnte eine rechtliche Verpflichtung werden – man sollte also zum Beispiel den Gesetzesentstehungsprozess im Blick haben, um künftige Anforderungen rechtzeitig zu erkennen). Wenn Organisationen sich zur Erfüllung von Anforderungen von Beschäftigten oder anderen interessierten Parteien verpflichten, werden diese zu „anderen Anforderungen“ im Sinne von 6.1.3 DIN ISO 45001, sie sind also zu dokumentieren und ihnen ist bei der Umsetzung des SGA Managementsystems wie den rechtlichen Verpflichtungen „Rechnung zu tragen“.


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Umsetzung der ISO 45001 Anforderungen an den Kontext der Organisation

Beide – die in 4.1 und in 4.2 DIN ISO 45001 genannten – Anforderungen sind sachlich, wie ja schon an den Beispielen aus Anhang A erkennbar, eng miteinander verknüpft: Hinter jedem potenziell relevanten Thema steht in der Regel eine interessierte Partei (einschließlich der Beschäftigten, die bei Fragen des Arbeitsschutzes immer als interessierte Partei anzusehen sind). Es ist also sinnvoll, die Betrachtung der relevanten Themen und der interessierten Parteien gemeinsam durchzuführen. Typischerweise fängt man hier – selbst wenn man kein anderes Managementsystem betreibt, das diese Beschäftigung fordert – auch nicht bei Null an, sondern ein gutes Unternehmen dürfte die relevanten internen und externen Umstände im Blick haben und auch wissen, welche Personen oder Organisationen für das Unternehmen noch wichtig sind. Spätestens bei der strategischen Entscheidung für die Einführung des Arbeitsschutzmanagementsystem sollte die Beschäftigung mit dieser Frage auch spezifisch für den Arbeitsschutz begonnen worden sein – auch wer das System „nur“ einführt, weil es eine Kundenanforderung ist, hat ja schon den Kunden und seine Anforderungen an ein Zertifikat identifiziert; der Anfang ist gemacht. Auf dieser Basis kann z.B. in einem Workshop mit den relevanten Führungskräften nach Antworten auf die oben genannte Kernfrage („Was kann sich (positiv oder negativ) auf die Fähigkeit einer Organisation auswirken, sichere und gesunde Arbeitsplätze bereitzustellen und Verletzungen und arbeitsbedingten Erkrankungen vorzubeugen?“) gesucht und über die hinter den gefundenen Themen stehenden interessierten Kreise nachgedacht werden. Natürlich können auch andere, vielleicht bereits im Qualitäts- und Umweltmanagement verwendete Methoden genutzt werden; die Norm macht hier keine Vorgaben. Obgleich die Norm zu diesen Themen keine dokumentierte Information fordert, bietet sich ein Festhalten der Ergebnisse an: zum einen weiß man dann, welche Antworten man einem nachfragenden Zertifizierungsauditor geben kann, zum anderen steht die regelmäßige Überprüfung der Ergebnisse auf der Tagesordnung der Managementbewertung nach 9.3 DIN ISO 45001, und auch dies fällt leichter, wenn das ursprüngliche Ergebnis dokumentiert ist. Dabei sollten auch gleich die mit diesen Themen/ Anforderungen für das Unternehmen verbundenen Risiken und Chancen ermittelt und bewertet werden. Einerseits ist dies später (6.1 DIN ISO 45001) ohnehin gefordert; andererseits hilft es, sich wirklich auf die strategisch bedeutsamen Themen und Anforderungen zu konzentrieren. Es ist nicht der Sinn der Übung, hier möglichst viele Themen und Anforderungen interessierter Kreise zu ermitteln, sondern die für das Unternehmen wirklich wichtigen. Nach diesem Schritt ist dem Unternehmen bekannt (und es hat idealerweise dokumentiert), was sich positiv oder negativ auf seine Fähigkeit auswirken kann, sichere und gesunde Arbeitsplätze bereitzustellen, und welche Personen oder Organisationen hinter diesen Themen stehen.


4.3 Anwendungsbereich des SGA Managementsystems

Der Anwendungsbereich des SGA Managementsystems muss – unter Berücksichtigung der o.g. Ergebnisse und der Tätigkeiten, die sich auf die SGA Leistung der Organisation auswirken können und von ihr beeinflusst werden können – festgelegt und dokumentiert werden. Damit wird festgelegt, wo die Anforderungen des SGA Managementsystems überall beachtet werden müssen.


4.4 SGA Managementsystem

Das SGA Managementsystem muss entsprechend den Anforderungen der DIN ISO 45001 aufgebaut, verwirklicht, aufrechterhalten und fortlaufend verbessert werden; dabei sind die benötigen Prozesse und ihre Wechselwirkungen zu berücksichtigen. Mehr hierzu lesen Sie in den kommenden Teilen dieser Serie.

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